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Schlagwort-Archiv Produktivität

Schönheit ist kein Luxus. Sie ist ein Produktivitätsfaktor.

Ich sitze an meinem Schreibtisch.


Die Fenster stehen weit offen. Ein leichter Sommerwind trägt den Duft von Gras und warmem Holz herein. Draußen bewegen sich die Blätter der Bäume beinahe lautlos. Helles Grün mischt sich mit dunklen Tönen, dazwischen schimmern einzelne rötliche Blätter in der Morgensonne. Ein Vogel landet auf einem Ast, irgendwo summt eine Hummel durch den Garten.


Ich nehme einen Schluck Kaffee.


Kein Verkehrslärm. Keine Hektik. Kein Gedränge.


Nur Ruhe.


Mein Schreibtisch ist aufgeräumt. Die Unterlagen liegen dort, wo ich sie brauche. Der Bildschirm steht vor einem Fenster, nicht vor einer grauen Wand. Ich arbeite dort, wo ich mich wohlfühle.


Und plötzlich passiert etwas Erstaunliches.


Gedanken fließen leichter. Probleme wirken lösbarer. Kreativität entsteht nicht unter Druck, sondern fast beiläufig. Ich bin konzentriert. Motiviert. Ganz bei der Sache.


Nicht, weil ich disziplinierter geworden bin.


Sondern weil die Umgebung mich dabei unterstützt.


Und dann stelle ich mir den anderen Arbeitsplatz vor.


Der Wecker klingelt eine Stunde früher.


Schnell duschen. Frühstück herunterstürzen. Im Berufsverkehr stehen. Überfüllte Bahnen. Stau. Hupende Autos. Verspätungen. Bereits vor Arbeitsbeginn hat der Tag Energie gekostet.


Dann öffnet sich die Bürotür.


Grauer Teppich.

Weiße Wände.

Künstliches Licht.

Klimaanlagenluft.

Reihen identischer Schreibtische.

Telefone klingeln.

Menschen laufen vorbei.

Jemand führt laut ein Meeting.

Der Kollege nebenan ist gestresst und hat kaum Zeit für ein freundliches Wort.


Statt Vogelgesang hört man Drucker.

Statt frischer Luft riecht es nach aufgebrühtem Kaffee und Teppichboden.

Statt Weite blickt man auf eine Trennwand.


Am Abend folgt der gleiche Weg zurück.


Zwei Stunden Pendeln.

Zwei Stunden Lebenszeit.

Jeden einzelnen Arbeitstag.


Und dann wundern wir uns, warum Menschen erschöpft sind.


Schönheit ist kein Luxus.


Wir behandeln schöne Arbeitsplätze oft wie einen netten Bonus.


Etwas für Architekturbüros.

Etwas für Designmagazine.

Etwas für die Hochglanzbroschüre eines Unternehmens.


Doch genau das ist der Irrtum.


Schön gestaltete Arbeitsplätze sind keine Dekoration.


Sie sind ein Produktivitätsfaktor.


Die moderne Umweltpsychologie beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit genau dieser Frage:


Wie beeinflusst unsere Umgebung unser Denken, unsere Motivation und unsere Leistungsfähigkeit?


Die Antwort fällt erstaunlich eindeutig aus.


Menschen arbeiten besser, wenn sie sich in ihrer Umgebung wohlfühlen.


Unser Gehirn ist nicht für Beton gemacht.


Über Hunderttausende von Jahren lebte der Mensch in Landschaften voller Bäume, Wasser, Pflanzen und natürlicher Formen.


Erst seit wenigen Generationen verbringen wir unsere Tage zwischen Beton, Glas, Neonlicht und Klimaanlagen.


Unser Gehirn hat sich in dieser kurzen Zeit kaum verändert.


Deshalb reagieren wir bis heute auf Natur.


Nicht romantisch.

Sondern biologisch.


Studien aus der Umweltpsychologie zeigen immer wieder, dass bereits der Blick ins Grüne Stress reduzieren kann. Tageslicht verbessert Aufmerksamkeit und Wohlbefinden. Natürliche Materialien, Pflanzen und organische Formen fördern Konzentration und Erholung.


Unser Gehirn arbeitet dort am besten, wo es sich sicher fühlt.


Das Homeoffice kann genau dieser Ort sein.


Natürlich nicht jedes Homeoffice.


Der Küchentisch zwischen Wäschekorb und Geschirrspüler ist keine ideale Arbeitsumgebung.


Aber ein liebevoll eingerichteter Arbeitsplatz mit Tageslicht, Pflanzen, Ruhe und einem Blick ins Grüne kann erstaunliche Wirkung entfalten.


Man arbeitet nicht nur effizienter.

Man arbeitet auch lieber.


Und genau das wird häufig unterschätzt.


Motivation entsteht selten durch Kontrolle.

Sie entsteht durch gute Rahmenbedingungen.


Vertrauen schlägt Kontrolle.


Viele Unternehmen führen noch immer Diskussionen darüber, ob Mitarbeiter im Homeoffice tatsächlich arbeiten.


Vielleicht stellen wir einfach die falsche Frage.


Die bessere Frage lautet:


Unter welchen Bedingungen können Menschen ihre beste Arbeit leisten?


Denn hervorragende Ergebnisse entstehen selten durch Anwesenheitspflicht.


Sie entstehen durch Konzentration.

Durch Eigenverantwortung.

Durch Motivation.

Und durch Arbeitsbedingungen, die Menschen stärken statt erschöpfen.


Wer ständig unterbrochen wird, arbeitet nicht besser.

Wer täglich zwei Stunden pendelt, wird nicht kreativer.

Wer ausschließlich in sterilen Großraumbüros sitzt, entwickelt nicht automatisch die besseren Ideen.


Schönheit wirkt.


Vielleicht unterschätzen wir Schönheit grundsätzlich.


Ein gepflegter Garten beruhigt.

Eine historische Bibliothek inspiriert.

Ein Park lädt zum Nachdenken ein.

Ein heller Raum hebt die Stimmung.


Warum sollte all das ausgerechnet am Arbeitsplatz keine Rolle spielen?


Menschen verbringen einen erheblichen Teil ihres Lebens bei der Arbeit.


Dann sollte dieser Ort mehr sein als funktional.


Er sollte ein Ort sein, an dem gute Gedanken entstehen können.


Produktivität beginnt lange vor der ersten Aufgabe.


Sie beginnt mit dem ersten Blick aus dem Fenster.

Mit frischer Luft.

Mit Tageslicht.

Mit Ruhe.

Mit einer Umgebung, in der man gerne arbeitet.


Vielleicht ist genau das die eigentliche Erkenntnis:


Menschen leisten nicht Großartiges, weil sie unter Druck gesetzt werden.


Sie leisten Großartiges, wenn man ihnen die Möglichkeit gibt, ihr Potenzial zu entfalten.


Ein schöner Arbeitsplatz ist deshalb kein Luxus.


Er ist eine Investition.


In Motivation.

In Gesundheit.

In Kreativität.

Und am Ende auch in bessere Ergebnisse.


Denn die besten Ideen entstehen selten unter Neonlicht.


Sie entstehen oft dort, wo ein leichter Wind durch das offene Fenster weht und die Blätter der Bäume leise daran erinnern, dass wir Menschen Teil der Natur geblieben sind.


Weiterführende Quellen

Die Aussagen dieses Artikels stützen sich unter anderem auf Erkenntnisse aus der Umweltpsychologie, der Arbeitswissenschaft sowie der Architektur- und Organisationsforschung.

Konsistenz – Warum kleine Schritte am Ende den größten Unterschied machen

Jeder Tag beginnt bei mir fast gleich.


Ein guter Kaffee. Eine ausgedehnte Runde mit meinem Hund. Danach ein Workout.


Nicht, weil ich jeden Morgen voller Motivation aus dem Bett springe. Ganz im Gegenteil. Es gibt Tage, an denen ich lieber noch eine Stunde schlafen würde oder an denen die Gedanken bereits um Projekte, Termine oder die wirtschaftliche Lage kreisen.


Trotzdem beginne ich den Tag genau so.


Warum?


Weil Motivation kommt und geht. Konsistenz bleibt.


Erfolg entsteht selten durch einen großen Moment


Viele Menschen warten auf den perfekten Zeitpunkt. Auf die große Chance. Auf den einen Auftrag, der alles verändert.


In meiner Erfahrung als Business Analyst und Projektmanager funktioniert die Realität anders.

Die erfolgreichsten Projekte entstehen nicht durch einzelne Heldentaten. Sie entstehen dadurch, dass ein Team jeden Tag ein kleines Stück besser wird.


  • Ein Requirement sauber dokumentieren.
  • Ein offenes Risiko nachverfolgen.
  • Ein Gespräch mit einem Stakeholder führen.
  • Eine Prozessgrafik überarbeiten.
  • Einen Testfall ergänzen.

Für sich genommen wirken diese Aufgaben unspektakulär. Über Wochen und Monate entsteht daraus jedoch Qualität. Und genau diese Qualität entscheidet häufig darüber, ob ein Projekt erfolgreich abgeschlossen wird oder nicht.


Konsistenz schlägt Perfektion.


Dasselbe gilt für neue Fähigkeiten


Wer heute in der IT oder im Projektmanagement arbeitet, kennt das Gefühl:


  • Neue Methoden
  • Neue Werkzeuge
  • Neue Technologien
  • Neue Anforderungen

Man kann schnell das Gefühl bekommen, ständig hinterherzulaufen.


Doch niemand muss an einem Wochenende zum Experten werden.


Wer jeden Tag nur 20 oder 30 Minuten investiert, lernt innerhalb eines Jahres mehr als viele Menschen, die sich nur gelegentlich vornehmen, „jetzt endlich einmal richtig anzufangen“.


  • Ein Kapitel lesen.
  • Ein Video anschauen.
  • Eine neue Funktion ausprobieren.
  • Eine kleine Übung durchführen.

Nicht spektakulär. Aber unglaublich wirkungsvoll.


Gerade als Freelancer entscheidet Konsistenz


Die vergangenen Monate haben vielen Selbstständigen gezeigt, dass der Markt schwieriger geworden ist.


  • Projekte werden verschoben.
  • Budgets gekürzt.
  • Entscheidungen dauern länger.

Natürlich gibt es Tage, an denen man sich fragt, ob sich die nächste Bewerbung überhaupt lohnt.


Genau dann wird Konsistenz zum entscheidenden Faktor.

Nicht zehn Bewerbungen an einem guten Tag verschicken und danach eine Woche nichts tun.

Sondern jeden Tag.


  • Das Profil aktualisieren.
  • Mit einem Recruiter telefonieren.
  • Eine Bewerbung schreiben.
  • Das Netzwerk pflegen.
  • Den Lebenslauf verbessern.
  • Eine neue Zertifizierung beginnen.

Vielleicht führt keine einzelne dieser Aktivitäten unmittelbar zum nächsten Projekt.


Zusammen erhöhen sie jedoch jeden Tag die Wahrscheinlichkeit, dass genau die richtige Gelegenheit entsteht.


Konsistenz schafft Vertrauen


Auch Kunden spüren sehr schnell, ob jemand verlässlich arbeitet.


  • Ein Statusbericht, der immer pünktlich kommt.
  • Ein sauber gepflegtes Backlog.
  • Klare Dokumentation.
  • Nachvollziehbare Entscheidungen.
  • Ehrliche Kommunikation.

Das wirkt vielleicht selbstverständlich.


In der Praxis ist genau diese Verlässlichkeit jedoch einer der größten Wettbewerbsvorteile.


Menschen arbeiten gerne mit Menschen zusammen, auf die sie sich verlassen können.


Kleine Schritte sind mächtiger als große Vorsätze


Wir überschätzen oft, was wir an einem Tag schaffen können.


Und wir unterschätzen gewaltig, was wir in einem Jahr erreichen, wenn wir jeden Tag ein kleines Stück vorankommen.


  • Ein Workout verändert den Körper kaum. Hundert Workouts schon.
  • Eine gelernte Lektion macht niemanden zum Experten. Dreihundert schon.
  • Eine Bewerbung garantiert kein Projekt. Regelmäßige Bewerbungen führen jedoch häufig genau zu dem Auftrag, auf den man lange gewartet hat.

Mein persönliches Fazit


Deshalb beginne ich meinen Tag weiterhin mit meinem Kaffee, einer Hunderunde und anschließend meinem Workout.


Nicht, weil jeder Morgen perfekt ist.


Sondern weil diese Routine mich daran erinnert, dass Fortschritt selten laut ist.


Er entsteht in den kleinen Entscheidungen.

In den Gewohnheiten.


In der Disziplin.


Und vor allem in der Konsistenz.


Denn am Ende sind es nicht die großen Sprünge, die Karrieren, Projekte oder Unternehmen erfolgreich machen.


Es sind die kleinen Schritte, die man bereit ist, jeden einzelnen Tag zu gehen.

Scrum = Dauermeetings?

Wenn Scrum zur Meeting-Maschinerie wird

Agiles Projektmanagement soll Wertschöpfung beschleunigen, nicht sie im Kalender ersticken.

Lesedauer: ca. 7 Minuten

Scrum ist in seiner originären Form kein schwerfälliger Verwaltungsapparat, sondern ein leichtes Führungs- und Arbeitsgerüst. Gerade darin liegt sein Reiz: klare Rollen, klare Takte, klare Verantwortlichkeiten.[1] Und doch erleben viele Unternehmen etwas völlig anderes: Der Tag beginnt mit dem Daily, wird fortgesetzt mit Refinement, Stakeholder-Call, Abstimmungsrunde, Steering, Review-Vorbereitung und endet dort, wo die eigentliche Arbeit erst anfängt – am Abend.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Agile Methoden können sehr wohl zu besseren Ergebnissen führen. Eine große quantitative Untersuchung über 1.002 Projekte zeigt einen positiven Zusammenhang zwischen agilem Vorgehen, Effizienz und Stakeholder-Zufriedenheit.[11] Das Problem ist also nicht Agilität an sich. Das Problem ist ihre schlechte Ausführung.

Wer die beschriebene Lage kennt, spürt das Problem nicht nur organisatorisch, sondern auch körperlich. Nach einem Tag voller Termine ist man geistig ermüdet, obwohl man formal „viel getan“ hat. Man war beschäftigt, aber nicht zwingend wirksam. Entwickler beschreiben produktive Tage typischerweise gerade nicht als Tage voller Unterbrechungen, sondern als Tage, an denen sie wesentliche Aufgaben mit möglichst wenigen Kontextwechseln voranbringen.[4]

„Einfachheit — die Kunst, die Menge nicht getaner Arbeit zu maximieren — ist essenziell.“

Prinzipien hinter dem Agilen Manifest[2]

Wenn Agilität falsch verstanden wird

Ein schlechtes Scrum erkennt man nicht daran, dass Menschen miteinander sprechen. Man erkennt es daran, dass Kommunikation zum Ersatz für Führung, Priorisierung und saubere Produktarbeit wird. Dann wird jedes offene Thema in einen Termin verwandelt. Das Backlog ist unscharf, also diskutiert man live. Die Verantwortlichkeiten sind nicht sauber getrennt, also sitzen zu viele Menschen mit am Tisch. Der Product Owner ist faktisch ein Ausschuss, also wird Priorisierung permanent neu verhandelt. Der Daily Scrum wird zur Statusshow für das Management, obwohl er in Wahrheit der täglichen Anpassung der Arbeit in Richtung Sprint Goal dient.[1]

Hinzu kommt ein zweiter Irrtum: Viele Unternehmen verwechseln agile Sichtbarkeit mit permanenter Verfügbarkeit. Doch Sichtbarkeit entsteht nicht dadurch, dass alle überall dabei sind. Sichtbarkeit entsteht durch klare Ziele, gute Artefakte, verlässliche Entscheidungen und dokumentierte Ergebnisse. Werden stattdessen Meetings zum primären Steuerungsinstrument, verlagert sich die Arbeit aus dem Produkt in den Kalender.

Die Forschung beschreibt genau diesen Mechanismus. Microsoft berichtet, dass die Hälfte aller Meetings in genau jenen Zeitfenstern stattfindet, in denen viele Menschen natürliche Leistungsspitzen haben; zugleich zeigt die Auswertung, wie stark Fokusarbeit durch ein Gemisch aus Terminen, Nachrichten und Benachrichtigungen fragmentiert wird.[3] Die Entwicklerforschung ergänzt: Unterbrechungen und Kontextwechsel gelten nicht als Randthema, sondern als zentrale Einflussgrößen für das Erleben von Produktivität.[4]

Noch deutlicher wird der Preis solcher Fragmentierung in der Unterbrechungsforschung: Menschen arbeiten unter Unterbrechungen bisweilen schneller, zahlen dafür aber mit mehr Stress, höherer Frustration, stärkerem Zeitdruck und größerem Aufwand.[5] Neuere Forschung aus der Softwaretechnik zeigt ebenfalls, dass Art und Dringlichkeit von Unterbrechungen Bearbeitungszeit und Stressreaktionen messbar verändern können.[6]

Muss das immer so sein?

Nein. Und fachlich betrachtet darf es auch nicht so sein, wenn man Scrum ernst nimmt. Der Scrum Guide beschreibt Scrum ausdrücklich als leichtgewichtiges Framework mit klar timeboxierten Ereignissen. Diese Ereignisse sollen Regelmäßigkeit schaffen und den Bedarf an zusätzlichen Meetings gerade minimieren.[1] Ein Daily Scrum ist auf 15 Minuten begrenzt. Sprint Planning, Review und Retrospektive haben ebenfalls klare Maximaldauern. Scrum ist also nicht als Meeting-Kultur konzipiert, sondern als Rhythmus zur Konzentration auf Wertschöpfung.

Auch das Agile Manifest denkt nicht in Dauerhektik, sondern in nachhaltiger Leistungsfähigkeit. Agile Prozesse sollen ein gleichmäßiges Tempo auf unbegrenzte Zeit ermöglichen.[2] Ein Team, das nach jedem Sprint nur noch erschöpft ist, arbeitet nicht agil, sondern auf Verschleiß.

Gerade diese Unterscheidung ist im Management entscheidend. Hohe Taktung kann sinnvoll sein. Dauernde Reibung ist es nicht. Ein sportlicher Organismus lebt von Belastung und Erholung, nicht von Dauerpuls. Unternehmen übrigens ebenso.

Woran gutes Scrum wirklich zu erkennen ist

Gut geführtes Scrum erzeugt nicht mehr Meeting-Zeit, sondern bessere Entscheidungen in kürzerer Zeit. Der erste Prüfstein ist das Zielbild. Wenn Product Goal und Sprint Goal unscharf sind, vervielfacht sich die Abstimmung automatisch. Sind sie präzise, sinkt der Besprechungsbedarf spürbar, weil das Team innerhalb klarer Leitplanken selbst entscheiden kann.[1]

Der zweite Prüfstein ist die Teamarchitektur. Scrum ist auf kleine, fokussierte, selbstmanagende Teams angelegt; der Scrum Guide nennt typischerweise zehn oder weniger Personen.[1] Werden Teams größer, heterogener oder in zu viele Abhängigkeiten gedrückt, explodiert der Koordinationsaufwand. Das ist kein Charakterfehler des Teams, sondern ein Designfehler des Systems.

Forschung zu großer agiler Programmarbeit zeigt genau das: Mit der Zahl der Teams steigt der Bedarf an Koordination deutlich an. Deshalb müssen Koordinationspraktiken bewusst auf den Kontext zugeschnitten werden, statt einfach immer neue Routinen anzubauen.[10]

Der dritte Prüfstein ist der Umgang mit Unterbrechungen. Agile Arbeit bringt naturgemäß mehr Interaktion mit sich. Das ist nicht per se schlecht. Studien zu agilen Teams zeigen, dass Unterbrechungen sowohl positive als auch negative Folgen haben können: Sie können Klarheit, Feedback und schnellere Informationsflüsse ermöglichen, aber auch Stress, Verzögerungen, Ablenkung und Qualitätsverluste erzeugen. Entscheidend ist daher nicht, Interaktion abzuschaffen, sondern sie zu filtern, zu bündeln und über Rollen sauber zu kanalisieren.[7]

Ruhige, fokussierte Bewegung als Sinnbild für Disziplin und Klarheit
Empfehlung: Hier das Garten- oder Spazierbild als ruhige visuelle Zäsur einsetzen.

Was Unternehmen jetzt konkret ändern sollten

Wer Scrum und agiles Projektmanagement behalten, aber die Meeting-Müdigkeit beenden will, sollte nicht hektisch das nächste Framework suchen. Meist reicht es, die vorhandene Logik wieder sauber auszuführen:

  • Ziele schärfen. Product Goal und Sprint Goal müssen so klar sein, dass sie Entscheidungen ersetzen können, statt neue Termine zu erzeugen.[1]
  • Den Daily Scrum zurückholen. Kein Reporting an Führungskräfte, keine Problemlösungsorgie, kein Ausweiten auf 30 oder 45 Minuten. Fünfzehn Minuten, fokussiert auf Fortschritt, Hindernisse und den nächsten Arbeitstag.[1]
  • Stakeholder-Kontakt kanalisieren. Kunden- und Fachbereichsimpulse sind wertvoll, sollten aber bevorzugt über Product Owner, Sprint Review und sauber gepflegte Backlogs ins System kommen, statt das Team spontan im Tagesgeschäft zu überfahren.[1][7]
  • Meetings nur mit Ziel und Vorbereitung. Eine einfache Regel wirkt oft Wunder: keine Agenda, kein Termin. Gute remote-erprobte Meeting-Praxis fordert genau das – inklusive klarer Zielsetzung, vorbereiteter Unterlagen und dokumentierter Ergebnisse.[9]
  • Asynchron arbeiten, wo keine Echtzeit nötig ist. Statusupdates, Kommentare, Vorab-Feedback, Entscheidungen mit geringer Konfliktdichte und Review-Vorbereitung gehören häufig in Dokumente, Tickets, Videos oder schriftliche Kommentare – nicht in einen Live-Termin.[8]
  • Optionalität ernst nehmen. Nicht jeder muss in jedem Termin sitzen. Wer nur informiert werden soll, kann ein Protokoll, eine Aufzeichnung oder einen Live-Doc-Eintrag erhalten.[9]
  • Fokusfenster verteidigen. Wenn die besten Arbeitszeiten systematisch mit Meetings belegt sind, wird aus Agilität bloße Reaktivität. Sinnvoll sind geschützte Blöcke für konzentrierte Wertschöpfung – programmatisch im Kalender verankert, nicht nur rhetorisch gewünscht.[3]
  • Die Rolle des Scrum Masters ernst nehmen. Ein guter Scrum Master verwaltet keine Zeremonien, sondern schützt die Arbeitsfähigkeit des Teams, hält Timeboxen ein, entfernt Hindernisse und verhindert Prozessverwilderung.[1][7]

„No agenda, no attenda.“

GitLab Handbook, Meeting-Prinzip[9]

Mein Fazit

Agilität ist dann stark, wenn sie Disziplin mit Beweglichkeit verbindet. Nicht jedes Gespräch ist Verschwendung. Nicht jede Unterbrechung ist schädlich. Aber ein Unternehmen, das Wertschöpfung fortlaufend für Koordination opfert, führt sein System falsch. Scrum soll Komplexität beherrschbar machen. Wenn es stattdessen Erschöpfung produziert, liegt das Problem meist nicht in Scrum, sondern in seiner bequemen Fehlinterpretation.

Die gute Nachricht lautet: Man muss Agilität nicht abschaffen, um wieder produktiv zu werden. Man muss sie präziser führen. Weniger Ritual. Mehr Zielklarheit. Weniger Präsenzpflicht. Mehr dokumentierte Entscheidungen. Weniger Meeting-Moral. Mehr Arbeitsfähigkeit. So sieht ordentliches, übertragbares und wirtschaftlich vernünftiges Scrum aus.

Quellen

  1. Scrum Guides: The Scrum Guide.
  2. Prinzipien hinter dem Agilen Manifest sowie Manifest für Agile Softwareentwicklung.
  3. Microsoft WorkLab: Breaking down the infinite workday.
  4. Meyer et al.: Software Developers’ Perceptions of Productivity.
  5. Mark, Gudith, Klocke: The Cost of Interrupted Work: More Speed and Stress.
  6. Ma, Huang, Leach: Breaking the Flow: A Study of Interruptions During Software Engineering Activities.
  7. Wiesche: Interruptions in Agile Software Development Teams.
  8. GitLab Handbook: Asynchronous communication for remote work.
  9. GitLab Handbook: All-Remote Meetings.
  10. Dingsøyr, Moe, Seim: Coordinating Knowledge Work in Multiteam Programs.
  11. Serrador, Pinto: Does Agile work? A quantitative analysis of agile project success.

Homeoffice macht produktiver

Eine Folge der derzeitigen weltweiten Corona-Pandemie ist die Tatsache, dass viele Arbeitnehmen schon eine längere Zeit im Homeoffice arbeiten. In der Vergangenheit gab es viele, die das Homeoffice nicht wirklich schätzten, mit der Begründung, es verlocke Arbeitnehmer dazu, nicht produktiv zu arbeiten. Doch was ist an dieser Behauptung wahr?

Die beiden Stanford Ökonomen John Roberts und Nicholas Bloom zeigten in einer Studie eindrucksvoll folgende spannende Ergebnisse:

  • Die Arbeitsleistung stieg um 13% im Laufe von 9 Monaten an. Dies wurde hauptsächlich dadurch begründet, dass ein Heimarbeiter mehr Minuten am Tag produktiv arbeitete, weniger Pausen machte und weniger Krankheitstage hatte.
  • Die Produktivität pro Minute stieg, aufgrund der ruhigeren Arbeitsbedingungen zuhause, deutlich an.
  • Die Fluktuationsrate der Heimarbeiter ging um 50% zurück.
  • Laut einer Umfrage hatten Berufstätige, die zuhause arbeiteten, eine wesentlich höhere Arbeitszufriedenheit und waren seltener erschöpft von Ihrer Tätigkeit.

Die Studie wurde im Harvard Business Review ausführlich beschrieben, ist aber auch auf der Internetseite der Stanford University zu finden.

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