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Sapere aude

Sapere aude – Der Mut, den eigenen Verstand in der Beratung zu benutzen

„Sapere aude“ – habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.

Der Satz ist alt, fast zweihundertfünfzig Jahre.
Und doch wirkt er in der modernen Beratungswelt erstaunlich aktuell.

Denn obwohl Wissen heute jederzeit verfügbar ist, obwohl Frameworks, Methoden und Best Practices allgegenwärtig sind, ist eines seltener geworden:
der Mut, selbst zu denken.


Warum Denken in der Beratung riskant geworden ist

Beratung ist heute stark standardisiert.
Es gibt etablierte Vorgehensmodelle, bewährte Templates, international akzeptierte Methoden.
Das schafft Sicherheit – für Berater wie für Kunden.

Gleichzeitig entsteht daraus eine subtile Gefahr:
Die Verantwortung für das Denken wird ausgelagert.

Nicht mehr der Berater denkt, sondern das Modell.
Nicht mehr die Situation wird verstanden, sondern eingeordnet.
Nicht mehr gefragt: „Was ist hier wirklich los?“
Sondern: „In welches Raster passt das?“

Frameworks beginnen, den Verstand zu ersetzen.


Sapere aude bedeutet nicht: Alles besser wissen

Den eigenen Verstand zu benutzen heißt nicht, sich über Erfahrung, Methoden oder Wissen hinwegzusetzen.
Es heißt auch nicht, alles neu erfinden zu wollen.

Sapere aude bedeutet etwas anderes:

Die Verantwortung für das eigene Urteil nicht abzugeben.

Ein Senior Consultant zeichnet sich nicht dadurch aus, möglichst viele Modelle zu kennen.
Sondern dadurch, zu wissen, wann ein Modell hilft – und wann es im Weg steht.


Beratung braucht Urteilskraft, nicht nur Regelwerke

Viele Beratungssituationen sind nicht eindeutig.
Sie sind widersprüchlich, politisch aufgeladen, historisch gewachsen.

In solchen Situationen helfen Regeln nur begrenzt.
Was gefragt ist, ist Urteilskraft.

Urteilskraft entsteht aus:

  • Erfahrung
  • Beobachtung
  • Reflexion
  • und der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen

Den eigenen Verstand zu benutzen heißt, sich nicht hinter Methoden zu verstecken.
Es heißt, eine Position einzunehmen – ruhig, begründet und nachvollziehbar.


Der Mut, Nein zu sagen – auch zu Best Practices

Ein unterschätzter Aspekt von Sapere aude in der Beratung ist der Mut zum Nein.

Nein zu einer Methode, die hier nicht passt.
Nein zu einem Vorgehen, das formal korrekt, aber praktisch wirkungslos ist.
Nein zu Aktionismus, der nur Beschäftigung erzeugt.

Dieser Mut ist unbequem.
Er kann Widerstand auslösen.
Er macht angreifbar.

Doch genau darin liegt professionelle Integrität.


Warum Kunden diesen Mut spüren

Kunden können meist nicht im Detail beurteilen, welche Methode fachlich korrekt ist.
Aber sie spüren sehr genau, ob jemand denkt.

Sie spüren:

  • ob jemand zuhört
  • ob Zusammenhänge verstanden werden
  • ob Antworten aus Erfahrung oder aus Folien stammen

Sapere aude zeigt sich nicht in großen Worten.
Es zeigt sich in ruhigen, klaren Aussagen.
In Fragen, die den Kern treffen.
In Empfehlungen, die nicht beliebig wirken.


Den eigenen Verstand zu benutzen heißt, Haltung zu zeigen

Am Ende ist Sapere aude eine Frage der Haltung.

Eine Haltung, die sagt:

„Ich nutze Methoden, aber ich lasse mich nicht von ihnen benutzen.“

„Ich kenne Standards, aber ich denke selbst.“

„Ich trage Verantwortung für mein Urteil.“

In einer Beratungswelt voller Lärm, Geschwindigkeit und vorgefertigter Antworten ist das kein kleiner Anspruch.
Es ist ein stiller, aber anspruchsvoller Weg.


Fazit: Sapere aude als stilles Qualitätsmerkmal

Der Mut, den eigenen Verstand zu benutzen, ist kein heroischer Akt.
Er ist leise.
Er zeigt sich im Alltag.

In der Entscheidung, nicht sofort zu reagieren.
In der Bereitschaft, länger nachzudenken.
In der Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten.

Sapere aude ist damit kein philosophisches Zitat für Sonntagsreden.
Es ist ein sehr praktischer Maßstab für gute Beratung.

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